Maison Las Clauzes - Motorrad-Pyrenäentour 2008

Der Ausgangspunkt - Moux, Südfrankreich, genauer gesagt, das Maison Las Clauzes, ist Start und Ziel der jährlichen, in 6 Fahrtagen stattfindenden Pyrenäentour vom Mittelmeer bis zum Atlantik und zurück. Die Gesamtstrecke beträgt ca. 1.700 km mit Tagesetappen von ca. 300 km und einer täglichen Fahrzeit von bis zu 8 Stunden.
Die Teilnehmer - Gila und Alex aus der Schweiz, Holger aus Moux. Wolfgang, Richard und Franz, zusammen über 200 Jahre alt, wollen sich mit der Tour einen großen Traum erfüllen. Alex macht den Tourguide, wochenlange Ausarbeitung der Tour mit Schweizer Präzision am Map-Source. Holger fährt das Werkzeug und Ersatzteile, falls es Pannen gibt und macht die Fotos. Maximaler Altersunterschied ca. 30 Jahre, aber Humor und die Leidenschaft des Motorradfahrens eint sie alle. Soviele Kilometer am Tag? Das hat Franz uns aber nicht gesagt, meinen Richard und Wolfgang. Ja stimmt, meint Franz sonst wärt ihr ja nicht mitgekommen! Viel Wasser mitnehmen und regelmäßig trinken….Ja, Ja Herr Doktor…
Die Motorräder: vier BMW 1200 GS, eine KTM 690 (ist halt leichter) und eine KTM 950
13.Juli der erste Fahrtag.
Wetterprognose durchwachsen.Wir starten um 9 Uhr von Moux aus durch die Corbieres, die Galamus-Schlucht und die Gorges de St. Georges hinauf über die Pyrenäen nach Spanien bis an die Sierra del Cadi. Museumsbesuch...
Holger ist vor vielen Jahren hier mal mit Pau Soler und dem leider verstorbenen Toni Soler Enduro gefahren. Pau ist zur Zeit gerade auf der Transiberean Rally unterwegs. Das MUSEO MOTO muss man gesehen haben, eine der grössten Privatsammlungen historischer Motorräder. Wer kennt noch A.J.P? Nicht nur OSSA, BULTACO, MONTESA sondern auch viele Engländer und alte BMW’s, und …wer hat’s erfunden?....Motosacoche Geneve-Suisse. Wer weiss noch, dass NSU schon 1912 ein Zentralfederbein verbaute?







Weiter durch das Tal des Rio Segre, Kurven, die zu extremer Schräglage einladen. Natürlich überholen wir in der Gruppe nicht, aber Gila jagt Holger, GS jagt KTM 950, der Sportwagen jagt den Werkstattwagen und Holger merkt wie der Stollenreifen bergauf kurz vorm Aufsetzen der Stiefel vorne langsam wegschmiert. Das muss am schweren Werkzeug am Heck liegen, also gemässigtere Fahrweise ist angesagt. Und dann noch ein satter Pyrenäenregen kurz vor unserem Hotel.
14.Juli der zweite Fahrtag.
Sonnenschein. Wir starten um 9 Uhr.. klappt natürlich wieder nicht…noch voll tanken und Aufkleber besorgen…..der katalanische Esel….der Spott auf den spanischen Toro und Richard bummelt wieder…Jetzt nur nicht wieder nach Frankreich, nicht nur wegen dem Nationalfeiertag, sondern auch noch die „TOUR DE FRANCE“ bei Bagneres und am „COL de TOURMALET“. Also weiter durch Spanien, entlang der Schluchten der südlichen Pyrenäenabflüsse, kreisende Geier über einem Dorf, unglaublich schöne Landschaften und überall diese unbekannten gelben Blumen bis hinauf auf die 3000er.
Die Luft ist so sauber, dass man einen Kuhfladen auf 100 Meter riecht. Unberührte Natur in kaum besiedelter Landschaft, kein Verkehr, wir scheinen als einzige hier unterwegs zu sein, wo sonst gibt es das noch in Westeuropa?





Weiter am Rio Ara entlang, ein verlassenes Dorf an einem malerischen Fluss, vorbei am Ordesa Nationalpark und nach Frankreich. Strahlende Gesichter, Kurven über Kurven und dann hinab nach Eaux Bonnes, die „guten Wasser“ dem alten Thermalkurort, Verwundetenkurort in den Weltkriegen.
Eaux Bonnes ist nicht Davos aber auch hier könnte Thomas Mann die Eindrücke für seinen Zauberberg gesammelt haben. 
Hier gab es auch mal bessere Zeiten, die Häuser und Hotels im morbiden französischen Charme des Südens. Das Moos an den Schieferschindeln lässt vermuten, dass Eaux Bonnes nach kurzer Zeit von der Sonne verwöhnt wieder in den grauen feuchten Schlaf der Hochpyrenäen verfällt. Eine warme Dusche und das Abendmenü bei Mme Ricard regenerieren unsere Kräfte.
15.Juli der dritte Fahrtag.
Ziel Atlantikküste. Sonnenschein. Über Laruns und Bielle über den „Col de Marie Blanche“. Holger geht verloren, er entdeckt ein Denkmal der Resistance ….eines von vielen zwar… aber doch ein besonderes. Hier schlossen sich im zweiten Weltkrieg die Kämpfer der spanischen Brigaden - darunter auch viele Deutsche - der Resistance an und kämpften gegen die deutschen Besatzer. Deutsche gegen Deutsche… eine wenig bekannte Facette der Geschichte des französischen Widerstandes. Hier führte auch der Fluchtweg abgeschossener britischer Bomberpiloten vorbei nach Spanien. Mäanderförmig geht es hinab nach Navarra, in das spanische Baskenland. Weiss gestrichene Häuser mit roten Dächern. Es sieht hier aus, wie in der Schweiz.


Viele Wanderer mit Jakobsmuschel auf dem Rucksack mitten auf der Strasse zeigen die Nähe der Jakobswege an. Jetzt bloss keine Pilger überfahren….Paella-Essen in Roncesvalles am Ibaneta-Pass. Hier kreuzen drei Jakobswege die Pyrenäen (via podiensis, via limosina, via turonensis) und noch immer 790 km bis Santiago de Compostella, dem angeblichen Grab des Apostels Jakob, soll er das Christentum aus Palästina nach Spanien gebracht haben soll.
Roncesvalles ist auch der vermutete Ort der Rolandsschlacht und des Rolandgrabes. Hier wurde ein Kloster errichtet, das noch heute die Pilger aus aller Herren Länder versorgt. Roland - bekannt aus dem Chanson Roland - war ein Ritter „Karls des Grossen“ oder „Charlemagne“, des Frankenkönigs ein gemeinsamer Vorfahre der Deutschen und Franzosen.
Die Franken zerstörten im Jahre 788 die maurische Stadt Pamplona und Roland geriet bei Roncesvalles in den engen Schluchten des „Col de Ronceveaux“ in einen Hinterhalt der Basken und wurde getötet. Sein „Rolandshorn“ ist heute in Santiago de Compostella am Ziel des Pilgerweges ausgestellt.
Genug der Geschichte, weiter durch das spanische Baskenland bis kurz vor Pamplona und dann wieder hinauf über die grünen halbrunden Hügelketten der atlantischen Pyrenäen und den „Col de Urquiaga“ ins französische Baskenland..XARETA ZUGARRAMURDI URDAZUBI SARA AINHOA…eine in Europa fast vergessene und lange unterdrückte Sprache. Seit 1995 sind die Ortschilder zweisprachig.




Und der Rest der Gruppe…
Das Schild in Arette am Fuss des Col de la St. Martin war unmissverständlich: Route Fermée. Wir probieren wir es trotzdem. Rund geschnittene Kurven schrauben uns in immer höhere Regionen. Einige Haufen von Rollsplitt kündigen eine grössere Baustelle an und fordern unsere ganze Aufmerksamkeit. Auf dem Pass angelangt verschlägt es uns dann fast die Sprache, ob der wunderbaren Rundsicht, aber auch dem verbarrikadierten Übergang nach Spanien. Nach einer kurzen Rast trudeln wir wieder hinunter ins Tal – ungeplanterweise zurück nach Arette.
Die nördliche Pyrenäen-Seite bietet sehr reizvolle Strassen und darum swingen wir zügig nach St-Jean-Pied-de-Port, wo sich die Pilgerwege nach Santiago de Compostela vereinen. Entsprechend gross ist der Rummel – aber auch die Unfreundlichkeit des Kellners im Café. Darum zieht es uns schnell wieder weiter nach Arzikun und in den dahinter liegenden „Par-que Natural Senorio de Bertiz“. Auf einem klitzekleinen Strässchen kurven wir über luftige Anhöhen und durch tiefe Täler. Verwirrte Hühner, wollige Schafe und sogar Mikro-Pferde stehen uns Spalier. Die Strasse ist asphaltiert, überrascht aber mit dem einen oder anderen Schlagloch und wird nicht von allen Reiseteilnehmern als BMW-tauglich eingestuft.


Kurz nach Zugarramurdi stossen wir dann wieder auf Zivilisation und in Sare geht es los mit touristischem Rummel. Es ist mächtig viel los in dieser Ecke. Vermutlich liegt das an der Bimmelbahn, welche auf den „la Rhune“ hinauf führt. Und dann noch einige Inschriften auf dem Asphalt: „PAS DE L’OURS“, auch hier hat sich die Anti-Bären-Bewegung verewigt. Es gibt Widerstand gegen die Auswilderung von Bären in mittleren Pyrenäen. Schätzungsweise leben heute um die 15 Bären in den mittleren Pyrenäen.

Am Abend treffen wir uns alle wieder wohlbehalten in Saint Jean de Luz am Atlantik, wo wir uns in das mondäne Strandleben eines uralten französichen Seebades einreihen und den Mittwoch als Ruhetag geniessen. Wir logieren im Grand Hotel de la Poste.. Bereits 1777 wurde es vom Marquis de Lafayette bewohnt, um seine Expedition nach Amerika vorzubereiten. In der nahegelegenen Kirche Saint Jean Baptiste wurde 1660 der „Sonnenkönig“ verheiratet. Ludwig der 14. König von Frankreich und Narvarra heiratete die Infantin Marie Therese von Spanien, die eigentlich aus Österreich kam.

17.Juli der vierte Fahrtag.
Ziel Bagneres de Luchon, graue Wolken. So kehren wir über Pau und Laruns zurück auf den Pyrenäen-Hauptkamm. Wir wollen ohne Doping über den „Col d’Aubisque“ und den „Col de Tourmalet“, die „Leidenspässe“ der Tour de France.
Wir überqueren den Ausbisque in einer dichten abtropfenden Nebeldecke. Man sieht keine 3 Meter weit. Ständiges Brille putzen, nach zwei Stunden haben wir die Nase voll. Fast hätten wir drei Radfahrer, zwei Schafe und eine aus einer Pfütze trinkende Kuh überfahren, und so verlassen wir die Höhen und begeben uns nordwärts in Richtung Lourdes. Vorbei an den berühmten Grotten von Betharram erreichen wir den Kommerz von Lourdes. Hier soll 1858 einer Bernadette Soubiros die heilige Mutter Gottes erschienen sein, und seitdem strömen jährlich hunderttausende von Wunder- und Heilungsgläubigen in diesen Ort, den wir schnell passieren. Weiter geht es über den „Col d’Aspin“ und den „Col de Peyresourde“ nach Bagneres de Luchon wo wir nach einem ausgiebigen Abendessen müde ins Bett fallen.
18.Juli der fünfte Fahrtag.
Ziel Moux, die Wolkendecke reisst auf. Von Bagneres aus geht es über den „Col de Mente“ nach St. Girons. Ein Fan pinselt noch die Namen der Etappensieger auf den Asphalt. Natürlich fahren wir alle zu seiner Empörung durch die weisse Farbe…“Quel malheur….“ Kurve über Kurve steigen wir von den hohen Pyrenäen hinab und langsam kommt uns die Wärme der Mittelmeerregion entgegen. Ein kurzer Stopp bei der Katharerburg „Puivert“ Hier wurden 1999 Szenen zu Roman Polanskis Film „die neun Pforten“ mit Johnny Depp gedreht. Wieder erreichen wir die Corbieres und nach einem letzten Kaffeestop am Chateau Villerouge erreichen wir das Maison Las Clauzes in Moux wo uns ein kühles Weizenbier erwartet.

Ankommen, entspannen und die Erlebnisse einer wunderbaren Reise verarbeiten…
Von Alex Gähler



